Warum Amateure keine Profis sein sollten: Ein CrossFit-Coach über extreme Balance

Warum Amateure keine Profis sein sollten: Ein CrossFit-Coach über extreme Balance

Vom Rock Bottom zur Community – und warum echte Performance durch Loslassen entsteht 

20 Jahre Coaching, eine Erkenntnis

Jörn Perlwitz ist seit über 20 Jahren Coach. Zwölf davon als Betreiber der CrossFit-Schmiede in Kassel. Er hat in sechs Disziplinen auf Spitzenebene gearbeitet, international, im Hochleistungssport. Heute betreut er die Kassel Huskies im Athletikbereich.

Seine Message? "Wirken, wachsen und verbunden sein."

Aber der Weg dorthin war alles andere als geradlinig.

"Ich habe mir zweimal die Schulter ausgekugelt, musste zweimal operiert werden, hatte ständig Schmerzen, die ich eigentlich nicht haben wollte", erzählt Jörn. "Dann habe ich alles umgestellt, gelernt, dass es unfassbar viele Formen von Bewegung gibt, die ich völlig vernachlässigt hatte."

Das Ergebnis? Er ging zurück zu CrossFit – und performte besser als je zuvor. Ohne Extremismus. Mit Balance.

Das Problem: No Pain, No Gain für Amateure

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Schneller, höher, weiter – nicht nur im Job, sondern auch in der Freizeit.

"Für mich war die krasseste Erkenntnis", sagt Jörn, "dass der Mensch, der 8 Stunden arbeitet, vielleicht auch 4 Stunden, eine Familie hat und das als Hobby macht, eigentlich mehr Yin braucht als Yang in seinem Leben."

Was Amateure von Profis nicht übernehmen sollten

Das Szenario kennt Jörn zu gut:

Jemand kommt mit Knieproblemen. Drei Wochen Training, endlich schmerzfreie Bewegung. Gewichte werden langsam gesteigert.

Und dann: "Hey, ich habe mich für meinen ersten Wettkampf angemeldet!" Jörns Reaktion? Fast ein Facepalm.

"Wir haben gerade drei Wochen damit verbracht, dir die Bewegung so beizubringen, dass du sie schmerzfrei ausführen kannst. Wieso meldest du dich jetzt für einen Wettkampf an, der dir vorgibt, etwas tun zu müssen, für was du offensichtlich noch nicht bereit bist?"

Der Unterschied: Profi vs. Amateur


Kannst du ohne Extremismus erfolgreich werden?

Jörns Antwort ist klar: "Auf keinen Fall."
Wenn du auf höchstem Level abliefern willst, musst du single-minded sein:

  • Dein Lebenspartner muss zu 100% dahinter stehen
  • Deine Familie muss zu 100% dahinter stehen
  • Du musst mindestens 8–12 Stunden schlafen 
  • Deine Ernährung muss komplett ausgerichtet sein
  • Kein exzessives Feiern 

Alles auf ein Ziel ausgerichtet: Wer kann das? Wer will das?

Die meisten wollen es nicht – sie glauben nur, dass sie es wollen.

"In einer Leistungsgesellschaft, wo alles nur um schneller, höher, weiter geht, geht das dann ganz schnell auch in der Freizeit nur darum. Und das ist das Problem."

Extreme Ausgeglichenheit: Der unterschätzte Zustand

"Kann Ausgeglichenheit extrem sein?", fragt Jörn rhetorisch. "Das ist der Zustand, den wir erreichen sollten. Das ist auch das, was ich über mein eigenes Training gelernt habe."

Homöostase. Balance. Nicht Extreme.

"Ich bin kein Profiathlet, ich bin weit davon entfernt, irgendwelche Höchstleistungen zu liefern. Ich bin unter Umständen trotzdem noch besser als Menschen, die meinen, das als Wettkampfsport betreiben zu müssen."

Der Clou? Wenn er mit genau nicht dem Extremismus besser wird – dann sind wir genau da angekommen: Wir brauchen Balance.

Ernährung: Echtes Essen statt Dogmen

Jörn ist kein Ernährungsexperte, aber er hat klare Prinzipien:

"Alles, was extrem ist, kann grundsätzlich erstmal nicht gut sein."

Seine Grundregeln:

  1. Keine extreme Verarbeitung: Verarbeitete Lebensmittel können uns nicht wirklich gut tun.
  1. Nicht zu viel Fleisch "Ich habe zu viel Fleischkonsum probiert – hat nicht funktioniert. Ich bin weit davon entfernt, mich vegan zu ernähren, aber es hat alles sein Für und Wider."

  2. Echtes Essen als Fokus "Nicht dogmatisch sagen: 'Du musst jetzt komplett auf Zucker verzichten.' Das funktioniert für die meisten ein, zwei Wochen. Dann ist es vorbei, und dann fallen sie in alte Habits zurück."

  3. Entzündungsförderung reduzieren "Gerade alles, was in Richtung Entzündungsförderung geht – darauf ein bisschen verzichten."

  4. Packungen lesen "Grundsätzlich mal auf eine Packung schauen: Wie viele Inhaltsstoffe sind da drin? Was kann man aussprechen? Mehr echtes Essen zu sich nehmen."

Der emotionale Aspekt

"Du kannst nicht einfach mit Willenskraft sagen: 'Ich höre jetzt auf Zucker zu essen.' Du kannst diese emotionale Abhängigkeit zu Zucker nicht einfach auflösen – sonst verlagert es sich: Du fängst an zu rauchen oder was auch immer."

Die Lösung? Bewusstheit statt Zwang. Echtes Essen statt Verbote. Rock Bottom: Wenn Loslassen zur Heilung wird

Es gab einen Punkt in Jörns Leben, wo es ihm nicht gut ging.
Eine gute Freundin sagte ihm:
"You're not yet at rock bottom, because you still have the feeling that you're falling. Sobald du aufstehen willst, bist du bei rock bottom."

"Ab dem Punkt ging es dann auch nach oben", erzählt Jörn. "Weil ich Dinge loslassen konnte. Mich von Dingen verabschiedet habe – die mich selbst betreffen, die vielleicht andere betreffen, was ich gerne beeinflusst hätte, aber nicht möglich war."

Ab diesem Punkt drehte sich fast alles zum Positiven. Die Kraft des Loslassens

"Mehr loslassen", rät Jörn.

"In einer Gesellschaft, in der nur Yang herrscht, wo immer nur Fight and Flight ist." Sein Beispiel: Ein aufstrebender Boxer. "Du bekommst mehr Länge in deinen Punch, indem du loslässt – nicht weiter verkrampfst." Im Sport. Im Leben. In allem.

Die CrossFit Schmiede Kassel Community: 12 Leute um 6 Uhr morgens 

Jörn steht morgens um 5 Uhr auf. Um 6 Uhr coacht er.
"Der Moment beim Aufstehen ist erstmal: zu früh. Es ist einfach zu früh."

Aber dann:

"Dann stehen da 12 Leute, die richtig Bock haben. Punkt 6 Uhr ist es komplett vorbei. Dann ist Hype. Dann macht das Spaß."

Die Geschichten, die zählen

Der Mensch mit Bandscheibenvorfall, den Jörn seit 10 Jahren begleitet – der heute sein 12-jähriges Kind durch die Gegend werfen kann. Nicht hochheben. Werfen.

Die Person, die noch nie im Leben Sport gemacht hat, völlig überwältigt im Probetraining: "Fuck, niemals kann ich mich hier anmelden." Jörns Antwort: "Ich wette mit dir, du bist in drei Jahren immer noch hier." Drei Jahre später? Immer noch da.

"Weil sie vielleicht ein bisschen besser mit sich selbst klarkommen. Fitter werden. Besser die Treppe hochlaufen können. Das sind die Basics."

Der gesunde Vergleich

"Wir brauchen einen gesunden Vergleich", sagt Jörn. "Wir wollen Fitness messbar halten. Dafür müssen wir unsere Leistung feststellen."

Aber die Frage ist:

Sollte ich meine Leistung mit meiner eigenen von vor ein paar Jahren vergleichen? Von letzter Woche? Oder wo ich vielleicht mal hin will – für mich selbst?

Oder muss ich mich mit dir vergleichen?
"Denkst du, das ist der Clou, warum es so schwierig ist für uns, langlebig in Balance zu sein?" Jörns Antwort:
"Weil wir Probleme damit haben, in den Spiegel zu schauen."

"In dem Moment, wo das besser wird – wenn ich ein bisschen mehr bei mir bleibe, vielleicht mehr darauf achte, dass ich ein bisschen reiner werde von innen, ein paar Dinge loslasse – fällt mir das dann auch ein bisschen leichter."

Wirken, Wachsen, Verbunden sein Warum diese drei Werte?

Wirken: "Wir hatten beide immer den Anspruch, Menschenleben besser zu machen mit dem, was wir tun. Das steht ganz oben."

Wachsen: "Wachstum ist direkt damit verbunden – weil es nicht nur darum geht, selbst zu wachsen, sondern das Umfeld mitwachsen zu lassen."

Verbunden sein: "Dann bist du bei Community, bei Verbundenheit. Weil es ohne das nicht geht."

Was Jörn uns lehrt: 

  1. Amateure brauchen Balance, keine Profi-Extreme – mehr Yin, weniger Yang

  2. Extreme Ausgeglichenheit ist der Zielzustand – nicht Homöostase als Schwäche, sondern als Stärke

  3. Echtes Essen statt Dogmen – Bewusstheit schlägt Zwang

  4. Loslassen bringt mehr Power – im Punch und im Leben

  5. Der Vergleich sollte mit dir selbst sein – nicht mit anderen

  6. Community trägt – 12 Leute um 6 Uhr morgens machen den Unterschied

  7. Rock Bottom ist der Wendepunkt – wenn du aufstehen willst, geht es nach oben

Die wichtigste Frage bleibt: Schaust du in den Spiegel – oder vergleichst du dich mit anderen?

Jörn Perlwitz ist seit über 20 Jahren Coach und seit 12 Jahren Betreiber der CrossFit-Schmiede in Kassel. Er hat in sechs Disziplinen auf Spitzenebene im Hochleistungssport gearbeitet und betreut heute die Kassel Huskies im Athletikbereich. Seine Mission: Wirken, wachsen und verbunden sein.

Schau dir das komplette Podcast-Gespräch auf YouTube an

Folge Jörn auf Instagram: @joernperlwitz
Folge healmeal auf Instagram: @healmeal.de 

Zurück zum Blog

Einen Kommentar hinterlassen